Lungenverletzung beim Apnoetauchen ist häufiger als viele denken: Blut husten nach dem Tauchgang, Druckgefühl in der Brust, Atemnot. Tauchmediziner Jan Schill erklärt, wie sie entsteht, ab welcher Tiefe das Risiko steigt und was du tun kannst, um deine Lunge zu schützen.
Lungenverletzung beim Apnoetauchen – wie häufig passiert das wirklich?
Wer regelmäßig auf mehr als 20 Meter Tiefe apnoetaucht, kennt das Phänomen entweder aus eigener Erfahrung oder vom Hörensagen: Lungenverletzung: Husten nach dem Auftauchen, manchmal mit bluthaltigem Schleim, ein komisches Gefühl in der Brust, Kurzatmigkeit. Jan Schill, Anästhesist, Intensivmediziner und Teil des Tauchmedizin-Netzwerks Aquamet, sagt es klar: Fast jeder ambitionierte Apnoetaucher hat eine solche Situation schon erlebt oder kennt jemanden, dem es passiert ist.
Und trotzdem wird die Lungenverletzung beim Apnoetauchen oft nicht ernst genommen. Viele Betroffene warten einen Tag oder länger, bevor sie einen Arzt aufsuchen – ein Fehler, wie Schill betont. Denn wie viel Schaden das Lungengewebe bei ausbleibender Behandlung langfristig nimmt, ist wissenschaftlich noch unzureichend erforscht.
Medizinischer Hintergrund:
Die Lungenverletzung beim Apnoetauchen wird medizinisch als Lungenbarotrauma oder im Englischen als Lung Squeeze bezeichnet – also eine Druckverletzung der Lunge durch den steigenden Wasserdruck beim Abtauchen. Mikroverletzungen in Schleimhäuten und Blutgefäßen führen dazu, dass Flüssigkeit oder Blut in die Lungenbläschen (Alveolen) eindringt.
Warum entsteht eine Lungenverletzung beim Apnoetauchen?
Der entscheidende Unterschied zum Gerätetauchen: Wer mit Pressluftflasche taucht, hat einen theoretisch unbegrenzten Vorrat an Luft, um Druckausgleich in allen luftgefüllten Hohlräumen des Körpers zu betreiben. Der Apnoetaucher trägt nur den einen Atemzug in die Tiefe, den er an der Oberfläche genommen hat.
Mit jedem Meter Tiefe steigt der Wasserdruck – und das Lungenvolumen schrumpft entsprechend. Bei 40 Metern Tiefe beträgt es laut dem physikalischen Gesetz von Boyle-Mariotte nur noch etwa ein Fünftel des Ausgangsvolumens. Die Lunge ist zwar ein flexibles Organ, aber sie hat ihre Grenzen. Werden diese überschritten, entstehen kleine Risse in Gewebe und Blutgefäßen – der klassische Lung Squeeze.
Lungenverletzung beim Apnoetauchen – ab welcher Tiefe wird es gefährlich?
Als Faustregel gilt: Ab etwa 30 bis 40 Metern wird es kritisch. In diesem Bereich hat die Lunge ihr Residualvolumen – also ihr minimales natürliches Fassungsvermögen – fast erreicht. Weltklasse-Athleten schaffen über 100 Meter, weil jahrelanges Training ihren Brustkorb flexibler macht und ihr Körper einen ausgeprägten sogenannten Bloodshift entwickelt hat: Blut verlagert sich aus den Extremitäten in die Lungengefäße und gleicht den Unterdruck teilweise aus.
Praxisfall: Ein fitter Apnoetauch-Instruktor ohne Vorerkrankungen tauchte nach mehreren kurzen Sequenzen auf rund 40 Meter. Auf dem Weg nach oben spürte er ein Druckgefühl in der Brust – und hustete nach dem Auftauchen massive Blutmengen aus. Den Arzt suchte er erst einen Tag später auf. Fazit: Auch gut ausgebildete Profis sind nicht gefeit, und Symptome müssen sofort ernst genommen werden.
Lungenverletzung beim Apnoetauchen erkennen: diese Symptome sind typisch
Die Beschwerden können direkt beim Auftauchen oder erst Stunden später auftreten. Typische Anzeichen sind:
- Husten mit bluthaltigem oder schleimigem Auswurf
- Engegefühl oder Druckschmerz in der Brust
- Atemnot oder das Gefühl, nicht tief genug einatmen zu können
- Ungewöhnliche Erschöpfung nach dem Tauchgang
- Im schweren Fall: anhaltende Atemnot, die nicht nachlässt
Sobald echter Blutauswurf auftritt, ist ein sofortiger Arztbesuch zwingend. Im schlimmsten Fall kann sich weiteres Blut in die Lunge ergießen und der Zustand sich auch an der Oberfläche verschlechtern.
So schützt du dich vor einer Lungenverletzung beim Apnoetauchen
Drei Säulen bilden die Grundlage der Prävention: körperliche Vorbereitung, mentale Stärke und eine solide Ausbildung. Keine davon ist verzichtbar.
Atemübungen und Brustkorb-Flexibilität trainieren
Wer seinen Brustkorb und seine Lungen regelmäßig durch gezielte Atemübungen – etwa aus dem Yoga – beweglich hält, gibt dem Körper mehr Spielraum in der Tiefe. Das Vorbild aus der Natur: Pottwale tauchen bis zu einem Kilometer tief, weil ihr Brustkorb extrem elastisch ist und sich ohne schwere Verletzungen komprimieren lässt. Apnoetaucher, die diesen Ansatz konsequent verfolgen, berichten deutlich seltener von Lungenproblemen.
Den eigenen Körper kennen und auf ihn hören
Viele erfahrene Freitaucher beschreiben, dass sie Warnsignale unter Wasser wahrnehmen – ungewohnte Kontraktionen im Brustraum, ein verändertes Körpergefühl, instinktive Drehbewegungen in eine andere Richtung als üblich. Wer diese Signale kennt und respektiert, bricht den Tauchgang rechtzeitig ab. Wer sie ignoriert – oft auf Drängen von Buddys oder aus eigenem Ehrgeiz – riskiert eine ernsthafte Lungenverletzung beim Apnoetauchen.
Ausbildung und professionelle Begleitung
Apnoetauchen ist kein Einzelsport. Die Grundregel lautet: nie allein tauchen, immer mit einem ausgebildeten Buddy. Zertifizierte Kurse bei anerkannten Verbänden vermitteln nicht nur Technik, sondern auch das physiologische Grundverständnis für die Risiken in der Tiefe. Wer einfach auf eigene Faust tiefer geht – häufig auf Zureden von Freunden – setzt sich einem unkontrollierbaren Risiko aus.
Risikofaktoren kennen und vermeiden
Bestimmte Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Lungenverletzung deutlich: massives Überstrecken des Nackens, ruckartige Armbewegungen, Tauchen im erschöpften Zustand sowie zu kurze Pausen zwischen mehreren aufeinanderfolgenden Tauchsequenzen. Gerade das letzte Szenario – schnelle Wiederholungstauchgänge in größere Tiefen – ist ein häufig unterschätzter Risikofaktor.
Lungenverletzung beim Apnoetauchen: was jetzt sofort zu tun ist
Nach dem Auftauchen mit Bluthusten oder starker Atemnot gilt: Tauchaktivität sofort stoppen, hinsetzen, beruhigen und unverzüglich ärztliche Hilfe rufen. Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad – von Ruhe und Beobachtung über Sauerstoffgabe bis hin zur stationären Aufnahme mit bildgebender Diagnostik (Röntgen, CT).
Wer im Ausland taucht – in Ägypten, auf den Malediven oder den Bahamas – sollte wissen, dass eine Lungenuntersuchung inkl. CT schnell mehrere hundert Euro kosten kann. Eine tauchmedizinische Auslandsversicherung ist deshalb keine Luxusoption, sondern unverzichtbar. Im Notfall steht die Hotline von Aquamet rund um die Uhr zur Verfügung – dort arbeiten Tauchmediziner, die nicht nur beraten, sondern auch den nächsten kompetenten Taucharzt vor Ort benennen können.
Kann man beim Apnoetauchen auch Dekompressionskrankheit bekommen?
Für die meisten Apnoetaucher lautet die Antwort nein. Da nur der Stickstoff aus einem einzigen Atemzug in die Tiefe mitgenommen wird, ist die Menge, die sich im Gewebe lösen kann, minimal. Anders sieht es bei extremen Tieftauchgängen jenseits von 150 bis 200 Metern aus – dort wurden in Einzelfällen Dekompressionsphänomene dokumentiert. Für den Freizeitsport ist das aber kein relevantes Thema.
Wichtig zu wissen: Nach einem Tauchunfall ist die häufigste Ursache für Beschwerden die Lungenverletzung – kein Dekompressionsunfall. Wer also als Geräte- und Apnoetaucher unterwegs ist, sollte nicht reflexartig an die Druckkammer denken, sondern gezielt eine Lungenuntersuchung veranlassen lassen.
Fazit
Eine Lungenverletzung beim Apnoetauchen ist kein Extremszenario für Leistungssportler – sie kann jeden treffen, der ambitioniert in die Tiefe geht. Wer die Mechanismen versteht, regelmäßig Atemübungen macht, seinen Körper aufmerksam wahrnimmt und niemals ohne kompetente Begleitung taucht, reduziert das Risiko erheblich. Und wer nach dem Tauchgang Symptome bemerkt: sofort zum Arzt – nicht erst morgen.






