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Druckkammertherapie: Wenn Stickstoff zum Problem wird

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Druckkammertherapie – für viele Taucher ein Begriff, der Unbehagen auslöst. Doch was genau passiert dabei? Wann ist eine Druckkammertherapie wirklich nötig? Und was geschieht im Körper, wenn Stickstoffblasen Gefäße verstopfen?

Dr. Holger Ferstl ist Tauchmediziner bei Aquamed und für das österreichische Militär tätig. Er behandelt regelmäßig Tauchunfälle und kennt die Fragen, die Taucher haben: Brauche ich eine Druckkammertherapie? Kann ich noch warten? Was passiert, wenn ich zu lange zögere?

Was ist Druckkammertherapie?

Druckkammertherapie ist eine Behandlungsform, bei der ein Patient einem höheren Gasdruck ausgesetzt wird, als er normalerweise in der Umgebung hat. Besonders wichtig: Der Sauerstoffdruck wird erhöht.

Druckkammertherapie  von außen
© Mike Renlund von Flickr

Diese Behandlung ist nicht nur für Tauchunfälle gedacht, sondern auch für viele andere Erkrankungen. Tatsächlich behandelt man mit Druckkammertherapie mehr andere Krankheiten als Tauchunfälle. Ein Beispiel: diabetischer Fuß. Dabei handelt es sich um Durchblutungsstörungen, die zu Wunden führen, die nicht mehr heilen. Der Grund: Sauerstoff wird von den roten Blutkörperchen nicht mehr abgegeben.

In der Druckkammer unter erhöhtem Druck wird Sauerstoff jedoch freigesetzt, die roten Blutkörperchen brauchen ihn nicht mehr. Das bedeutet: Er gelangt auch an Stellen, wo die roten Blutkörperchen nicht mehr hinkommen. Das ist grob erklärt, was Druckkammertherapie bewirkt.

Wann braucht man Druckkammertherapie?

Die Indikation für Druckkammertherapie ist unterschiedlich – abhängig davon, wo man sich befindet. In Deutschland würde man fast bei jedem Symptom eine Druckkammertherapie machen, weil die Kammer schnell erreichbar ist. Aber die meisten Tauchunfälle passieren nicht in Deutschland, sondern irgendwo auf der Welt, wo der Transport zur Druckkammer sehr lange dauert.

Dann muss man unterscheiden: Ist das eine schwere oder eine milde Dekompressionserkrankung? Muss der Taucher sofort in die Druckkammertherapie, oder kann man vertreten, dass er vorerst nicht dorthin muss?

Die klare Unterscheidung: Neurologische Symptome – also Lähmungserscheinungen, Gefühlsstörungen, Sehstörungen – gehören in die Druckkammertherapie. Egal wo der Taucher ist, alles wird so gesteuert, dass er zur Druckkammer kommt.

Wenn er nur leichte Beschwerden hat – Juckreiz (sogenannte Tauchflöhe), leichte Gelenkbeschwerden oder blaue Flecken am Körper – dann sagen erfahrene Tauchmediziner: Das ist keine Druckkammertherapie nötig. Diese Symptome lassen sich mit Sauerstoff gut behandeln.

Aber: Es ist sehr wichtig, dass Taucher sensibel auf Beschwerden reagieren. Oft werden einfache Symptome ignoriert, und der Taucher geht wieder ins Wasser. Eine verzögerte Dekompressionserkrankung ist dann sehr schwer zu behandeln – manchmal gar nicht mehr.

Was passiert, wenn man zu lange wartet?

Die klare Empfehlung: Lieber einmal zu viel anrufen als zu spät. Bei Aquamed gibt es eine Hotline, die einschätzen kann, ob Druckkammertherapie nötig ist oder nicht. Viele Anrufe enden damit, dass man sagen kann: Das ist keine Dekompressionserkrankung, Sie müssen sich keine Sorgen machen.

Aber es gibt auch viele Anrufe, bei denen es einfach verschleppt wurde. Der Taucher sagt: Ich habe vor einer Woche getaucht, ich habe immer noch Beschwerden, muss ich jetzt in die Druckkammertherapie?

Je länger die Zeit ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht mehr besser wird. Deshalb: Nicht raten, einfach anrufen. Ein Tauchmediziner kann beurteilen, ob Druckkammertherapie nötig ist oder nicht.

Was passiert, wenn man es verschleppt? Wenn es keine neurologischen Symptome sind, ist die Durchblutung meist noch so weit in Ordnung, dass der Körper sich selbst regenerieren kann – innerhalb von Tagen, Wochen, schlimmstenfalls Monaten.

Bei schwerer Dekompression kann es aber sein, dass eine Lähmung nicht mehr besser wird. Dann kann man im normalen Leben nicht mehr funktionieren, kann nicht mehr Auto fahren, ist nicht mehr arbeitsfähig. Im besten Fall hilft dann noch eine physiotherapeutische Behandlung in Form eines Gleichgewichtstrainings.

Was passiert auf Zellebene?

Bei einem Dekompressionsunfall kann man sich den Stickstoff – oder je nach Atemgas auch andere Gase – wie Kohlensäure im Sprudel vorstellen. Er ist nicht stofflich gebunden. Im Gegensatz zu Sauerstoff, der von den Zellen verstoffwechselt wird und damit keine Probleme mehr macht, wird Stickstoff über die Lunge abgeatmet, reichert sich aber im Gewebe an.

Unter Druck löst sich der Stickstoff im Körper. Wenn ich jetzt auftauche und der Druck sinkt, wird dieser gelöste Stickstoff gasförmig. Wenn das zu schnell geht und die Lunge es nicht abatmen kann, kann es sein, dass diese kleinen Gasblasen Gefäße verstopfen. Dann wird ein bestimmtes Organ oder Gewebe nicht mehr durchblutet.

Je nach Gewebe sind die Symptome unterschiedlich. Diese Gasblasen kann man sehr schnell wieder kleiner machen, indem man sie unter Druck setzt. Aber: Das geht nur mit Sauerstoff. Wenn ich mit normaler Luft tauche, bringe ich wieder Stickstoff in den Körper – das ist nicht sinnvoll.

In der Druckkammertherapie wird der Stickstoff reduziert, und die Beschwerden verschwinden. Das braucht natürlich Zeit, denn der Stickstoff hat eine Halbwertszeit. Nach 24 bis 36 Stunden ist kein Stickstoff mehr im Körper.

Aber: Der Körper kämpft gegen die Gasblasen wie gegen einen Fremdkörper. Er bildet eine Fibrinstruktur um die Blasen, weiße Blutkörperchen und Blutplättchen bekämpfen sie. Die Blase schrumpft und ist weg, aber die Struktur bleibt – ein Thrombus. Und der verstopft das Gefäß weiterhin.

Dazu kommen Entzündungen in den Gefäßen. Diese Kombination aus Entzündung und Thrombus verursacht die anhaltenden Probleme. Es dauert lange, bis das abgebaut wird. Und wenn ein Nerv betroffen ist, kann es sein, dass das Gewebe nicht mehr reagiert oder der Nerv so geschädigt ist, dass eine dauerhafte Lähmung bleibt.

Wie kommt man zur Druckkammertherapie im Ausland?

Wer im Ausland einen Tauchunfall hat – etwa in Ägypten oder auf den Philippinen – fragt sich: Wie komme ich zur Druckkammertherapie?

Wenn man mit einer Tauchgruppe, einem Tauchlehrer oder auf einem Tauchboot unterwegs ist, gibt es fast immer Guides, die die lokalen Bedingungen kennen. Sie wissen, wo die Druckkammern sind und wie man dorthin kommt.

Meist wird gemeinsam mit Tauchmedizinern entschieden: Muss der Taucher in die Druckkammertherapie? Natürlich ist das ein Drama für die ganze Gruppe, wenn alle für den Tauchurlaub bezahlt haben. Aber Sicherheit geht vor.

Je nach Symptomen wird der Taucher entweder direkt zur nächsten Druckkammer gebracht oder per Rettungstransport evakuiert. Bei akuten Fällen kann es auch sein, dass ein Schnellboot zur nächsten Kammer fährt. Es hängt davon ab, wie kritisch die Situation ist.

In manchen Regionen ist es schwierig. Zum Beispiel auf den Cocos-Inseln, wo man drei Tage zur nächsten Druckkammer braucht. Oder auf den Philippinen, wo es 24 Stunden dauern kann. Aber auch hier gilt: Es hängt von den Beschwerden ab.

Wichtig zu wissen: 90 Prozent aller Tauchfälle sind innerhalb der Norm. Sie sind meist nicht so schwer, dass sie überhaupt eine Druckkammertherapie brauchen. Und wenn sie eine brauchen, ist es oft nicht so zeitkritisch.

Studien zeigen, dass verzögerte Behandlung – manchmal bis zu 12 oder 24 Stunden – das Ergebnis nicht unbedingt verschlechtert. Man muss sich keine Sorgen machen, wenn man nicht sofort behandelt wird – es ist trotzdem gut behandelbar.

Wie lange dauert Druckkammertherapie?

Die Dauer wird vom Druckkammerarzt festgelegt. Es gibt klare Vorgaben – im deutschen und angloamerikanischen Raum orientiert man sich an den Behandlungstabellen der US Navy.

Die Standardtabelle ist Tabelle 6. Sie dauert 285 Minuten und beginnt bei einer Tiefe von 18 Metern. Wenn es wirklich nötig ist, kann Tabelle 6 erweitert werden – dann dauert sie 495 Minuten.

Bei leichteren Beschwerden gibt es Tabelle 5 – auch 18 Meter Tiefe, aber nur zwei Stunden und 15 Minuten. Allerdings wird Tabelle 5 selten gefahren. Oft wird aus Kostengründen direkt Tabelle 6 gemacht.

So lange noch Beschwerden bestehen, wird Tabelle 6 gefahren. Bei leichten Beschwerden wechselt man zum sogenannten Problemlösungsschema – 14 Meter mit zwei Stunden und 15 Minuten, unter Sauerstoff und Luft.

Nach der Druckkammertherapie: Wie geht es weiter?

Bei milden Beschwerden kann die Druckkammertherapie ambulant erfolgen. Der Taucher kommt zur Druckkammer, wird behandelt, geht danach ins Hotel oder nach Hause – wenn das Hotel in der Nähe ist.

Die Druckkammern sind meist an Kliniken angegliedert, aber nur zur Beobachtung oder Kontrolle. Bei schwerer Dekompressionserkrankung muss der Taucher in der Klinik bleiben.

Meist verbessert sich der Zustand innerhalb weniger Tage so weit, dass der Patient nach Hause kann. Eventuell sind Folgebehandlungen nötig – aber die laufen alle ambulant. Der Taucher geht ein paar Mal pro Woche zur Druckkammertherapie, bis es besser wird.

Grundsätzlich macht man Druckkammertherapie so lange, wie eine Besserung eintritt. Wenn es nicht mehr besser wird, beendet man die Behandlung – egal ob der Patient vollständig gesund ist oder nicht.

Warum? Sauerstoff ist in hoher Dosis toxisch. Man muss abwägen: Macht die Druckkammertherapie noch Sinn, oder schadet sie dem Patienten mehr?

Fazit: Lieber einmal zu viel anrufen

Druckkammertherapie ist kein Grund zur Panik. Aber sie ist wichtig, wenn neurologische Symptome auftreten. Die wichtigste Regel: Bei Unsicherheit die Aquamed-Hotline anrufen. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.

Tauchmediziner können einschätzen, ob Druckkammertherapie nötig ist. Und je früher behandelt wird, desto besser die Prognose.