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Tauchen mit Handicap: Schwerelosigkeit für alle

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Tauchen mit Handicap – für viele klingt das unmöglich. Dabei ist es längst Realität. Menschen mit körperlichen Einschränkungen entdecken unter Wasser eine neue Form von Freiheit. Klaus Hiel aus Erlangen bildet seit 15 Jahren Menschen mit Behinderung zu Tauchern aus und zeigt: Tauchen mit Handicap funktioniert.

Viele wissen nicht einmal, dass Tauchen mit Handicap überhaupt möglich ist. Dabei gibt es längst spezialisierte Tauchlehrer, angepasste Ausrüstung und durchdachte Konzepte, die Menschen mit unterschiedlichsten Einschränkungen den Zugang zum Tauchen ermöglichen. Klaus Hiel ist einer dieser Tauchlehrer – und Instructor Trainer für Handicap-Tauchen bei SSI.

Was bedeutet Tauchen mit Handicap?

Tauchen mit Handicap - Ein Junge im Rollstuhl am Tauchen und der Tauchlehrer kniet daneben
© Silke Wolf

Tauchen mit Handicap bedeutet: individuell angepasste Ausbildung. „Man kann nicht einfach pauschalisieren, weil eine Behinderung für jeden Menschen unterschiedlich ist“, erklärt Klaus. Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit, jede Einschränkung erfordert andere Lösungen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Tauchen mit Handicap umzusetzen: angepasste Einstiege ins Wasser, modifizierte Ausrüstung, alternative Unterwasser-Kommunikationssysteme, spezielle Techniken oder Unterstützung durch Begleitpersonen. „Wir individualisieren das immer auf die einzelnen Personen“, sagt Klaus. „So machen wir den Einstieg leichter.“

Wichtig sind auch angepasste Handzeichen oder andere Kommunikationswege, damit die Sicherheit unter Wasser gewährleistet ist.

Wie Tauchen mit Handicap Körper und Psyche stärkt

Tauchen mit Handicap hat nachweisbare positive Effekte auf körperliches und psychisches Wohlbefinden. „Das Wohlbefinden verbessert sich durch diese Schwerelosigkeit, durch die Bewegungen im Wasser“, berichtet Klaus. „Die Koordination verändert sich, verbessert sich. Man wird beweglicher, wird selbstbewusster.“

Was beim normalen Tauchen bereits spürbar ist, verstärkt sich beim Tauchen mit Handicap noch deutlich. „Man erlebt auch Dinge bei Menschen, die vorher im Rollstuhl saßen und sich nicht bewegen konnten – und plötzlich machen sie unbewusst eine Bewegung in den Beinen“, erzählt Klaus.

Solche Momente sind emotional. „Das sind oft sehr, sehr bewegende Geschichten, die man erlebt. Menschen nehmen plötzlich ihren Körper in einer völlig anderen Form wahr.“

Emotionale Erfolge beim Tauchen mit Handicap

Klaus hat es oft erlebt: Menschen mit Behinderung, die ihren Tauchschein machen, reagieren sehr emotional. „Sie erreichen ihr Ziel und das Tauchen ist für sie das Feld, wo sie sich in ihrer Welt befinden.“ Es geht nicht nur um den Sport, sondern auch um psychologisches Selbstvertrauen, um das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

„Das ist eine wahnsinnige Erfahrung für die Betroffenen“, sagt Klaus. Plötzlich ist man nicht mehr eingeschränkt, sondern frei. Unter Wasser zählt nicht die Behinderung, sondern das Erlebnis.

Spezielle Ausbildung für Tauchlehrer

Nicht jeder Tauchlehrer kann Tauchen mit Handicap unterrichten. „Ein Tauchlehrer, der so etwas unterrichten möchte, muss definitiv eine Zertifizierung als Classified Diving Instructor haben“, erklärt Klaus. Es gibt verschiedene Verbände, die diese Ausbildung anbieten. Klaus selbst ist Instructor Trainer bei SSI und bildet Tauchlehrer in diesem Bereich aus.

„Die Herausforderung für den Instructor ist die Geschichte, dass er lernen muss, wie er mit diesen individuellen Behinderungen umgeht“, sagt Klaus. „Das Feld ist sehr, sehr groß. Wie kann ich unterstützen? Wie kann ich den Kursablauf an diese Bedürfnisse anpassen?“ Nur so entsteht Erfolg für die Schüler.

Vertrauen als Basis für Tauchen mit Handicap

Vertrauen ist beim Tauchen immer wichtig – beim Tauchen mit Handicap noch viel mehr. „Vertrauen ist das A und O“, betont Klaus. „Jeder Anfänger muss dem Tauchlehrer vertrauen. Aber in diesem Fall ist das Vertrauen viel tiefer und viel größer.“

Der Tauchlehrer wird zur Vertrauensperson, die letztlich den Erfolg ermöglicht. „Vertrauen ist die Grundbasis, dass man seinen Körper oder sich in die Hände des Tauchlehrers gibt.“

Deshalb beginnt Tauchen mit Handicap immer mit einem ausführlichen Gespräch. „Ich lade die Person in den Shop ein, dann setzt man sich eine halbe Stunde, eine Stunde zusammen und spricht einfach über diese Einschränkungen oder Limitierungen.“ Das können ganz unterschiedliche Möglichkeiten oder Behinderungen sein. „Und dann schaffen wir endlich eine Atmosphäre, dass man sagt: Dann machen wir den Kurs stressfrei in einem Bad.“

Wie funktioniert der Einstieg?

Schritt für Schritt. „Man schaut, wie man ins Wasser kommt, was kann ich für die Menschen tun, damit sie sich wohlfühlen“, erklärt Klaus. „Und man geht langsam ran.“

Wie schnell es geht, hängt davon ab, wie wasseraffin die Person ist. Klaus hatte einmal einen jungen Teilnehmer, der seinen Tauchschein machte und sehr wasseraffin war. „Für ihn war das Schwimmen im Wasser das A und O. Und dann war natürlich der Schritt zum Tauchen eine relativ einfache Geschichte.“

Man muss nur schauen, wie man die Person in die Lage versetzt, alle Übungen durchzuführen – oder die Übungen entsprechend anpasst.

Technische Hilfsmittel für Tauchen mit Handicap

Tauchen ist grundsätzlich ein technisch unterstützter Sport. Man braucht Atemregler, Flasche, Tarierjacket. Aber: „Eine behinderte Person kann die Ausrüstung möglicherweise nicht richtig greifen oder nicht so benutzen wie eine nicht-behinderte Person“, sagt Klaus. „Und entsprechend passen wir die Ausrüstung an.“

Das beginnt beim Anzug. Es gibt spezielle Tauchanzüge, spezielle Tarierjackets, die an die Person angepasst sind, oder umkonfigurierte Atemregler, damit die Person sie besser nutzen kann. Auch Unterwasser-Kommunikationssysteme gibt es, falls Handzeichen nicht funktionieren sollten.

„Wir individualisieren das“, betont Klaus. Tauchen mit Handicap bedeutet maßgeschneiderte Lösungen.

Soziale Integration durch Tauchen mit Handicap

Tauchen mit Handicap schafft nicht nur körperliche Erfolgserlebnisse, sondern auch soziale. „Diese Inklusion ist ein unglaublich spannendes Thema“, sagt Klaus. „Ich glaube, dass das Chaos auf beiden Seiten ist – auf der nicht-behinderten Person und auf der behinderten Person, wenn sie Kontakt schaffen.“

Aber durch das gemeinsame Hobby gelingt es sehr schnell und sehr gut. „Die Tauchgemeinschaft ist sehr groß. Wir sind fast alle auf dem gleichen Level, ob es der Professor ist oder der Handwerker – wir haben ein Thema, einen Sport, den wir gemeinsam ausführen.“

Klaus hat einen kleinen Tauchverein mit 300 Mitgliedern. „Es geht wirklich um diese Inklusion. Also jeder kann mitmachen.“ Viele seiner Schüler werden nach dem Tauchkurs ins Vereinsleben integriert, engagieren sich, leben ihr Tauchleben entsprechend weiter.

„Diese sozialen Erfahrungen erhöhen das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl“, sagt Klaus. Das ist oft genauso wichtig wie das Tauchen selbst.

Wo kann man Tauchen mit Handicap lernen?

In Deutschland gibt es verschiedene Anbieter, aber die Abdeckung ist relativ gering. „In Bayern gibt es vier, fünf Tauchschulen, die das anbieten“, sagt Klaus. In Erlangen gibt es seit 15 Jahren Handicap-Tauchausbildung im normalen Kursbetrieb.

„Man kann sich an uns wenden, dann besprechen oder vereinbaren wir, wie das Ganze ablaufen soll“, erklärt Klaus. Er hat Schüler aus der ganzen Bundesrepublik. „Das heißt, wir machen auch Intensivkurse, die sich speziell über einen Zeitraum von drei, vier Tagen erstrecken – oder dann individuell für Menschen hier aus der Region.“

Grundsätzlich kann jeder Tauchen mit Handicap lernen. „Es ist immer eine Frage, inwieweit wir alle Übungen durchführen können“, sagt Klaus. Der Verband SSI bietet ein Portfolio von Übungen, die jemand absolvieren muss. „Und da müssen wir schauen, wie wir jede Behinderung oder die Übungen entsprechend anpassen.“

Wer Tauchen mit Handicap lernen will, sollte sich an spezialisierte Tauchschulen wenden. „Dann klären wir die Voraussetzungen für diesen Kurs.“

Wie kann man Tauchen mit Handicap unterstützen?

Auch ohne selbst zu tauchen, kann man helfen. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Handicap-Tauchsport zu unterstützen“, sagt Klaus. Wer bereits Taucher ist, kann sich zum Classified Buddy ausbilden lassen. „Das ist ein Taucher, der andere Menschen mit Behinderung im Wasser begleitet.“

Das reicht vom Einstieg über die Führung bis zur Sicherheit unter Wasser. „Es gibt verschiedene Level oder verschiedene Stufen je nach Art der Behinderung. Und da ist ein Handicap-Buddy von großem Vorteil, weil er weiß, wie man mit einer behinderten Person unter Wasser umgeht.“

Auch Nicht-Taucher können helfen: beim Transport von Ausrüstung, beim Helfen am Wasser, bei der Vorbereitung. „Gerade in den Vereinen ist das sehr gut möglich“, sagt Klaus. „Man kann auch als Nicht-Taucher dabei sein und einfach schauen, dass derjenige ins Bad kommt oder die Ausrüstung vorbereitet wird.“

Professionell werden im Tauchen mit Handicap

Wer selbst Tauchlehrer für Tauchen mit Handicap werden will, kann das über verschiedene Stufen erreichen. „Man startet mit einer professionellen Ausbildung genauso wie für einen normalen Taucher“, erklärt Klaus. „Man beginnt mit dem Tauchschein, macht dann die Advanced-Kurse weiter.“

Der erste Schritt ist der Classified Buddy – die erste Affinität zum Handicap-Tauchen. Dieser kann Tauchkurse begleiten und andere Menschen unterstützen.

Dann kommt der Classified Divemaster – der erste professionelle Level. Er unterstützt den Tauchlehrer, muss eine normale Divemaster-Ausbildung plus die Classified-Ausbildung machen. „Und wenn er dann irgendwann sagt, jetzt will ich Tauchlehrer werden, dann macht er den normalen Tauchlehrerkurs und die Classified-Ausbildung wird auf den nächsten Level geholt.“

Klaus selbst ist Instructor Trainer und bildet Handicap-Tauchlehrer aus. „Das ist schon mit viel Begeisterung und Empathie verbunden, so eine Ausbildung entsprechend durchzuführen“, sagt er. „Und das ist auch sehr erfüllend. Ich würde sagen, es ist ein Erfolgserlebnis, wenn man jemandem das Tauchen ermöglichen kann.“

Erste Schritte: Schnuppertauchen und ärztliche Freigabe

Wer Tauchen mit Handicap ausprobieren will, sollte mutig sein. „Es ist immer eine Frage des eigenen Mutes zu sagen: Ja, ich will einfach diese Erfahrung machen“, sagt Klaus.

Er bietet auch Schnuppertauchen an – ein Einstieg, bei dem man einfach mal vorbeikommen und ausprobieren kann. Wichtig ist allerdings: vorher zum Arzt. „Der Arzt muss sein Okay geben. Das hängt immer mit der Art der Behinderung zusammen.“

Klaus hat einen Taucharzt im Team, der eine Zweitmeinung geben kann. „Und dann können wir einen Tauchgang machen und einfach ausprobieren, ob der Sport der richtige ist oder ob man den richtigen Ansatz hat.“

Fazit: Es ist möglich

Tauchen mit Handicap ist längst keine Utopie mehr. Es ist Realität, es funktioniert, es verändert Leben. Menschen, die vorher im Rollstuhl saßen, erleben unter Wasser Schwerelosigkeit. Menschen, die sich eingeschränkt fühlten, finden neue Freiheit.

„Wir bei Action Sport Erlangen freuen uns über jeden neuen Handicap-Taucher“, sagt Klaus. „Das ist wirklich eine Ehre für mich. Ich kann Ausbildung überall auf der Welt machen. Aber es ist schon mit viel Begeisterung verbunden, so eine Ausbildung entsprechend durchzuführen.“

Wer Tauchen mit Handicap lernen will, sollte sich trauen. Es lohnt sich.