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Tauchsicherheit: Zwischen Theorie und Realität

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Tauchsicherheit- zwei Taucher an einem seil unter Wasser im Neopren Anzug
(c) Image by Андрей Корман from Pixabay
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Jeder kennt die Regeln in der Tauchsicherheit. Buddy-Check, ausreichend trinken, Equipment überprüfen. Doch zwischen Tauchschein und Tauchpraxis liegen oft Welten. Ein Gespräch über unterschätzte Risiken, vergessene Basics und die Frage: Warum machen wir nicht, was wir eigentlich wissen?

Tauchen soll Spaß machen. Das ist der Ausgangspunkt jeder Diskussion über Tauchsicherheit unter Wasser. Doch Spaß kann nur haben, wer sich sicher fühlt – und sicher ist nur, wer vorbereitet ist. Klingt simpel, ist es aber nicht. Wolfgang Clausen taucht seit 1987, war Tauchbasisleiter an verschiedenen Standorten und arbeitet heute in Ägypten. Seine Erfahrung zeigt: Die größten Risiken bei der Tauchsicherheit sind oft die, die man nicht auf dem Schirm hat.

Körperliche Fitness in der Tauchsicherheit: Das unterschätzte Risiko

Tauchsicherheit - zwei Taucher greifen ein Seil unter Wasser in Neopren Anzügen
(c) Image by Андрей Корман from Pixabay

„Viele unterschätzen die körperlichen Anforderungen“, sagt Clausen. „Tauchen ist Sport. Nicht unter Wasser – da ist es leicht. Aber der Weg ins Wasser und zurück.“ Flasche auf dem Rücken, Bleigurt um die Hüfte, dicker Neoprenanzug. Dann ein paar Meter laufen, in praller Sonne, bei 40 Grad. Kopf hochrot, Kreislauf am Limit. Sprung ins kühlere Wasser – und plötzlich bricht der Kreislauf zusammen.

Passiert regelmäßig. Vor allem bei Tauchern, die nur einmal im Jahr in den Urlaub fliegen und dann drei, vier Tauchgänge am Tag machen wollen. Clausens Empfehlung für bessere Tauchsicherheit: regelmäßig zur Tauchtauglichkeitsuntersuchung, auch wenn man noch keine 40 ist.

Equipment: Dabei, aber nicht beherrschbar

Boje, Backup-Maske, Schneidewerkzeug, Spiegel, Signalpfeife – die Liste der empfohlenen Ausrüstung für Tauchsicherheit ist lang. Doch Clausen stellt eine simple Frage: „Wer hat schon mal eine Boje gesetzt?“

Die meisten Taucher haben eine Boje dabei. Pflicht in vielen Regionen. Aber wie viele können sie auch unter Wasser aufblasen und kontrolliert aufsteigen lassen? „Wenn man das so macht, wie die meisten es machen, sieht man nur noch seine Augen“, sagt Clausen trocken. Heißt: Man muss es üben.

Gleiches gilt für das Tarierjacket. Wo geht die Luft rein, wo raus? Wie löse ich die Schnellabwürfe? „Viele haben Equipment, das sie nicht beherrschen. Manche haben Rollen mit 50, 60 Meter Leinenlänge. Das braucht der Tec-Taucher. Der normale Hobbytaucher braucht sechs, acht Meter. Aber dann muss ich es auch bedienen können.“

Tauchsicherheit Buddy-Check: Die vergessene Routine

„Es gibt Buddy-Teams, die springen einfach ins Wasser. Fertig.“ Clausen sagt das ohne Vorwurf, eher resigniert. Jeder lernt im Tauchkurs den Buddy-Check als Grundlage der Tauchsicherheit. TABSL – Taucher brauchen saubere Luft. Tarierjacket, Blei, Schnallen, Luft. Einfache Eselsbrücke, die jeder auswendig kann. Und trotzdem: Wer macht es wirklich?

„Das ist wie beim Autofahren. Wer macht heute noch den Schulterblick?“ Die Analogie passt. Man hat es gelernt, aber im Alltag? Vergessen. Beim Autofahren mag das gutgehen, beim Tauchen kann es die Tauchsicherheit gefährden.

Der Buddy-Check bedeutet: Ich schaue mir dein Equipment an, du schaust dir meins an. Wo sind die Schnellabwürfe? Wo ist der Oktopus? Im Notfall muss ich das wissen. Nicht suchen, nicht überlegen – wissen.

Tauchsicherheit-Briefing: Mehr als nur „Links am Riff entlang“

(c) Image by Defence-Imagery from Pixabay

Vor dem Tauchgang sollte klar sein: Wohin gehen wir? Wie tief? Welche Zeichen benutzen wir? Das gehört zur grundlegenden Tauchsicherheit. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.

„Viele reden nicht vorher“, sagt Clausen. „Dann schwimmt einer plötzlich in eine Grotte, der andere will da nicht rein.“ Unter Wasser gibt es nur begrenzte Kommunikationsmöglichkeiten. Ein paar Handzeichen, mehr nicht. Alles andere muss vorher geklärt werden.

Besonders wichtig für die Tauchsicherheit: Die Tiefe. „Wenn wir einen 30-Meter-Tauchgang machen, dann gehen wir nicht auf 35 oder 40 Meter. Sonst dreht dem anderen das Rad im Kopf.“ Tiefenrausch ist real, Stickstoff macht was mit dem Gehirn.

Mentale Stärke: Ehrlich sein mit sich selbst

„Bist du heute fit? Oder hattest du schon zu viel Alkohol?“ Die Frage klingt absurd, aber Clausen sagt: „In All-Inclusive-Hotels gibt es Ablenkung und Versuchung.“ Durchzechte Nacht, Kater, drei Stunden Schlaf – und dann ab zum Tauchgang? Das widerspricht jeder Tauchsicherheit.

Ehrlich zu sich selbst sein – das ist vielleicht der schwierigste Teil. „Es erfordert mehr Mut, unter Wasser zu stoppen und zu sagen: Nein, ich will jetzt nicht“, sagt Clausen. „Wenn ich mich unsicher fühle und ein ungutes Gefühl habe – dann muss ich das sagen. Denn wenn ich trotzdem weitergehe und plötzlich Panik bekomme, störe ich auch die anderen.“

Notfälle: Ruhe bewahren, atmen, reagieren

Was passiert, wenn unter Wasser doch etwas schiefgeht? „Das Wichtigste für die Tauchsicherheit: weiteratmen, versuchen zu analysieren und dann schnell reagieren“, sagt Clausen.

Keine Luft mehr? Oktopus vom Buddy holen, auf gleicher Tiefe bleiben, langsam aufsteigen. Panik beim Buddy? Augenkontakt, körperlicher Kontakt, langsam nach oben. Maske verloren? Buddy an die Hand nehmen, Vertrauen haben, aufsteigen.

„Aber das muss man üben“, betont Clausen. „Man kann Notfallsituationen üben. Ich kann meinem Buddy den Oktopus geben, ich kann die Maske ausblasen, ohne Maske weitertauchen. Das gibt Sicherheit.“

Nach dem Tauchgang: Debriefing und Flüssigkeit für Tauchsicherheit

Tauchgang vorbei, ab unter die Dusche? „Es wäre schön, ein Debriefing zu machen“, sagt Clausen. „Wirklich über den Tauchgang sprechen. Was lief gut? Was nicht? Haben wir uns an die Absprachen gehalten?“ Auch das gehört zur Tauchsicherheit.

Und: ausreichend trinken. Beim Tauchen sollten es vier Liter Wasser am Tag sein. „Nach zwei, drei Stunden tauchen verliert man etwa zwei Liter Flüssigkeit. Und nein, das Glas Wein oder das Bier am Abend hilft nicht.“

Üben, üben, üben

Am Ende läuft Tauchsicherheit auf einen Punkt hinaus: Übung. „Wie beim Autofahren“, sagt Clausen. „Nach Jahren weiß ich, wo der Blinker ist, wo ich Gas gebe, wo ich bremse. Ohne nachzudenken.“ Gleiches gilt fürs Tauchen. Selbstvertrauen entsteht durch Routine. Routine entsteht durch Übung.

„Das gibt mir die größte Sicherheit: Wenn ich Dinge automatisch mache, ohne nachdenken zu müssen.“ Und genau darum geht es bei Tauchsicherheit. Nicht nur die Theorie kennen, sondern sie verinnerlicht haben. Nicht nur wissen, was im Notfall zu tun ist, sondern es schon hundert Mal gemacht haben.

Tauchen soll Spaß machen. Das bleibt der Ausgangspunkt. Aber Spaß ohne Tauchsicherheit ist Leichtsinn. Und Tauchsicherheit ohne Übung ist Illusion.

Die ganze Folge anhören

Das vollständige Gespräch mit Wolfgang Clausen über Tauchsicherheit gibt es im Tauch Talk Podcast. Dort spricht er ausführlich über seine Erfahrungen aus über 30 Jahren Tauchen, gibt weitere praktische Tipps und beantwortet Fragen rund um sicheres Tauchen. Den Tauch Talk Podcast findet ihr auf allen gängigen Podcast-Plattformen.