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Korallenriffe: Warum das Fundament unserer Ozeane in Gefahr ist

Sie sehen aus wie bunte Steine, werden oft für Pflanzen gehalten – und sind in Wahrheit Tiere. Korallenriffe gehören zu den faszinierendsten und gleichzeitig am stärksten bedrohten Ökosystemen der Erde. Sarah Abdelhamid, Meereszoologin aus Deutschland, lebt und forscht seit über zehn Jahren in Ägypten. Ihre Masterarbeit widmete sie dem Langzeit-Monitoring von Korallenriffen im Sudan – mit Ergebnissen, die nachdenklich stimmen.

Was Korallenriffe wirklich sind – und warum das wichtig ist

© AlicekeyStudio from Pixabay

Korallen sind Tiere – Nesseltiere, verwandt mit Quallen. Diese Grundinformation klingt trivial, ist es aber nicht. Immer noch treten Menschen auf Korallenriffen herum, ohne zu wissen, dass sie dabei lebende Wesen zerstören. Korallen leben in einer engen Symbiose mit Mikroalgen, den sogenannten Zooxanthellen, die ihnen Energie liefern und für ihre leuchtenden Farben sorgen. Was diese Tiere gemeinsam aufbauen, ist einzigartig: Korallenriffe sind die einzigen von Lebewesen geschaffenen Strukturen auf der Erde, die man vom Weltall aus erkennen kann. Dabei nehmen sie gerade einmal 0,1 Prozent des Meeresbodens ein – beherbergen aber ein Viertel aller Meereslebewesen. Kein Wunder, dass man sie als die Regenwälder der Ozeane bezeichnet. Ihre Bedeutung geht weit über Biodiversität hinaus. Korallenriffe schützen Küsten: Sie absorbieren bis zu 97 Prozent der Wellenenergie und bewahren so Millionenstädte vor Überflutung. Sie sind Quelle von Wirkstoffen gegen Krebs

Langzeit-Monitoring: Was 40 Jahre Forschung zeigen

Für ihre Masterarbeit wertete Sarah Langzeitdaten aus einem sudanesischen Korallenriff aus – Aufnahmen desselben 5×5-Meter-Abschnitts aus den Jahren 1980, 1991 und 2019. Die Methode: dünne Seile, die exakt über denselben Bereich gespannt werden, um das vertikale Riffwachstum zu messen und Veränderungen in der Artenverteilung sichtbar zu machen.

Ein überraschendes Ergebnis: Zwischen 1980 und 1991 war der Lebendanteil des Riffs mit rund 50 Prozent bemerkenswert stabil – trotz zunehmender industrieller Einflüsse weltweit. Das war für Sarah eine positive Überraschung.

Doch der zweite Befund ist alarmierend: Zwischen 1991 und 2019 – also über einen Zeitraum von knapp 30 Jahren – hat das Riff kaum noch vertikal gewachsen. Das Wachstum brach um etwa 80 Prozent ein. Sarah vermutet als Hauptursache die fortschreitende Ozeanversauerung: Steigende CO₂-Werte lösen das Kalziumkarbonat auf, aus dem Korallenskelette bestehen – das Baumaterial des Riffs wird buchstäblich abgetragen.

„Seitdem ich diese Masterarbeit geschrieben habe, sehe ich Riffe mit völlig anderen Augen. Ich sehe sofort, wo ein Riff noch unter guten Bedingungen ist – und wo es in die falsche Richtung geht.“Sarah Abdelhamid, Meereszoologin

Korallenbleiche: Was wirklich dahintersteckt

Korallenbleiche ist kein Tod – zumindest nicht sofort. Wenn das Meerwasser zu warm wird, stoßen gestresste Korallen ihre Zooxanthellen ab. Damit verlieren sie ihre Farbe und erscheinen weiß. Solange die Polypen noch in ihren Kalkröhren sitzen, sind die Tiere nicht tot – aber schwer krank. Sinkt die Temperatur nicht schnell genug wieder, sterben sie.

Die Ursache ist eindeutig: der Klimawandel. Daran lässt Sarah keinen Zweifel. Forschungsprojekte zur Korallenrestaurierung gibt es weltweit – und manche Ansätze sind vielversprechend. Doch ohne eine Reduktion der globalen Erwärmung werden auch widerstandsfähigere Korallen langfristig nicht überleben.

© Hans from Pixabay

Das Rote Meer gilt dabei als eine der letzten Zufluchtsstätten weltweit. Die Korallen dort sind genetisch resistenter als in vielen anderen Regionen und werden voraussichtlich länger standhalten. Doch auch dort spürt Sarah die Veränderungen – steigende Wassertemperaturen, zunehmend häufige Bleichereignisse. Die Frage, ob ihre Kinder diese Korallenriffe noch so erleben werden wie sie, treibt sie um.

Wie Korallenriffe underwater erforscht werden

Monitoring unter Wasser funktioniert analog und digital zugleich. Wasserresistente Schreibtafeln und Bleistifte – die einzigen Stifte, die unter Wasser nicht schmieren – gehören zur Grundausstattung. Entlang von Transektlinien werden Substrate Punkt für Punkt erfasst: toter Stein, lebende Koralle, welche Art, hart oder weich. Organisationen wie Reef Check haben diese Methode weltweit standardisiert.     Für ihre Masterarbeit nutzte Sarah zusätzlich Fotomosaike und 3D-Programme, um das gesamte Untersuchungsfeld digital zu rekonstruieren und auswertbar zu machen. Heute übernimmt KI immer mehr dieser Auswertungsarbeit – Korallen- und Substrattypen werden automatisch erkannt. Die Technologie macht Monitoring schneller und zugänglicher, auch wenn die Frage der Finanzierung bleibt.

Was jeder tun kann – auch ohne Tauchschein

Sarah appelliert nicht mit erhobenem Zeigefinger – sondern mit dem Hinweis, dass kleine Entscheidungen zählen. Wer ins Wasser geht: kein chemischer Sonnenschutz, lieber ein Rashguard. Wer zuhause ist: bewusst Fisch kaufen oder hinterfragen, welches Plastik im Alltag steckt und wo es landet. Welche Kleidung enthält Mikroplastik? Gelangt es ins Meer? „Es gibt so viele tolle Alternativen“, sagt Sarah. Niemand müsse sich dabei etwas wegnehmen. Es gehe darum, die eigenen Entscheidungen bewusster zu treffen – und damit andere zu inspirieren, es genauso zu machen.

Fazit: Korallenriffe brauchen Aufmerksamkeit – jetzt

Korallenriffe sind nicht irgendein schönes Unterwasserdekor. Sie sind Küstenschutz, Medizinlabor, Nahrungsquelle und Lebensraum für ein Viertel aller Meereslebewesen – auf gerade einmal 0,1 Prozent des Meeresbodens. Wer einmal wirklich verstanden hat, was auf dem Spiel steht, taucht anders. Und lebt vielleicht auch anders. Sarah Abdelhamid ist als Meereszoologin für Turtle Watch Egypt tätig und bietet Online-Kurse zu Meeresökologie an – unter anderem über SSI. Weitere Informationen finden sich in den Shownotes.

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Unsere Redaktion wird geleitet von Chefredakteur Markus Mensch, der sich schon als Redakteur für Munichs Best, dem blu Magazin und dem Leo Magazin einem Namen machen konnte. 2010 gründete er das Online-Magazin „magazine4“, welches Ende 2014 verkauft wurde. Nun sticht er mit “Monaco de Luxe” neu in See, vereint sein Netzwerk und seine Erfahrungen, um neue Ziele für seine Leser, Kunden und Partner zu erreichen.

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