Talk
Polartauchen: Wenn die Unterwasserwelt bunter ist als die Welt darüber
Von
Polartauchen: Minus zwei Grad Wassertemperatur, Eisberge als Tauchkulisse und Pinguine unter Wasser – was für die meisten nach einer Tortur klingt, ist für Tanja Obers pure Leidenschaft. Die Inhaberin der Action Sport Diving School in Oberursel bei Frankfurt taucht seit Jahren in den Polarregionen der Erde. Im Podcast „Tauch Talk“ erzählt sie, was Polartauchen so besonders macht, was man mitbringen muss – und warum man nach einer Reise in die Arktis oder Antarktis den sogenannten Polarbug nicht mehr loswird.
Arktis oder Antarktis – wo ist eigentlich was?

© Noel Bauza from Pixabay
Wer sich mit Polartauchen beschäftigt, stolpert schnell über eine Grundsatzfrage: Was ist nochmal wo? Tanja erklärt es so: Arktis kommt vom griechischen Wort „arktos“ – der Bär. Die Griechen kannten das Sternbild des Großen Bären im Norden und benannten die Region danach. Da sie an ein kosmisches Gleichgewicht glaubten, brauchte der Norden einen Gegenpol: die Ant-Arktis – also die Antarktis im Süden. Arktis im Norden, Antarktis im Süden. Klingt simpel, bringt aber erstaunlich viele Menschen durcheinander.
Wie der Polarbug zuschlägt
Tanjas erste Antarktisreise war 2009 – und fast ein Zufallsprodukt. Jemand bot ihr kurzfristig einen freien Platz auf einem Expeditionsschiff an, die Reise sollte in zehn Tagen starten. Zehn Tage Vorbereitungszeit für eine Antarktisexpedition – das empfiehlt sie heute ausdrücklich nicht. Damals sagte sie trotzdem zu.
Nach zwei Tagen auf dem Schiff war klar: Sie würde wiederkommen. Jede Saison. „Die Arktis ist kein Ort, sondern ein Gefühl“, sagt Tanja. Den Polarbug, den man sich dort einfängt, wird man nicht mehr los. Seitdem reist sie jeden Winter in die Antarktis – sechs bis zwölf Wochen – und jeden Sommer in die Arktis. Erst als Schiffskünstlerin, dann als Naturführerin, heute als Tauchg
Polartauchen in der Praxis: Ein typischer Expeditionstag
Antarktisreisen führen meist über die berüchtigte Drake Passage – eine zwei Tage dauernde Überfahrt zwischen Südamerika und der Antarktischen Halbinsel. Dabei erlebt man entweder den „Drake Lake“ (ruhige See) oder den „Drake Shake“ mit bis zu 12 Meter hohen Wellen. An Bord gibt es Schiffsärzte mit den passenden Mitteln gegen Seekrankheit.
Vor Ort folgt ein flexibler Tagesrhythmus mit zwei Aktivitätsfenstern – morgens und nachmittags, jeweils drei bis vier Stunden. Taucher nutzen diese Fenster für Polartauchen, Nichttaucher für Zodiac-Fahrten zwischen Eisbergen, Wanderungen oder Besuche an Pinguinkolonien mit bis zu 30.000 Tieren. Festes Programm gibt es keines: Wind ab 25 Knoten, Treibeis oder unerwartete Meereis-Verhältnisse können jeden Plan über den Haufen werfen. Das gehört dazu.
Das Besondere im Polargebiet: Eisberge von unten

@ Mojpe from Pixabay
Was macht Polartauchen so faszinierend? Tanja bringt es auf den Punkt: Über Wasser ist die Antarktis schwarz-weiß – schwarze Felsen, weiße Gletscher, schwarz-weiße Pinguine. Sobald man den Kopf unter Wasser steckt, explodiert die Farbe. Seesterne in Orange, Rot und Gelb. Schwämme in kräftigen Farben. Eine Unterwasserwelt, die man dort schlicht nicht erwartet.
Das Highlight schlechthin ist das Tauchen an Eisbergen. 90 Prozent eines Eisbergs liegen unter Wasser – und das Eis besteht aus Schnee, ist also voller Luftblasen. Diese Blasen erzeugen beim Schmelzen Hohlräume, Vorsprünge, kleine Canyons in der Eiswand. Eine weiße, glatte Fläche von außen, ein strukturiertes Naturkunstwerk von innen. Allerdings gilt: Eisberge können sich drehen oder brechen. Die Auswahl des richtigen – und sicheren – Eisbergs ist Erfahrungssache.
„Es ist keine Tauschsafari. Es ist ein Naturerlebnis, das man so nirgendwo sonst haben kann.“Tanja Obers-Ur, Action Sport Diving School Oberursel
Was man beim Polartauchen unter Wasser sieht
Fische gibt es wenige in der Antarktis – aber die, die es gibt, sind spektakulär. Der Eisfisch etwa hat kein rotes Blut, sondern nutzt eine Art biologisches Frostschutzmittel, das den Sauerstofftransport im Körper übernimmt. Dazu kommen Plankton, kleine Garnelen, der „Meeresengel“ – eine Schnecke, die frei im Wasser treibt und wie ein kleines geflügeltes Wesen wirkt – sowie gelegentliche Begegnungen mit Robben und Seeleoparden. In der Arktis kommen Buckelwale und riesige Seevogelkolonien hinzu. Einen Eisbären unter Wasser zu fotografieren klingt verlockend – ist laut Tanja aber keine gute Idee. Eisbären tauchen bis auf 20 Meter Tiefe.
Voraussetzungen für Polartauchen: Was wirklich nötig ist
Formell verlangt Tanja einen Advanced Open Water Diver und mindestens 30 Trockentauchgänge. Persönlich empfiehlt sie eher 50. Wer Polartauchen ernst nimmt, bringt eigenes Equipment mit – vor allem einen gut sitzenden Trockentauchanzug, mit dem man sich absolut sicher fühlt. Die Wassertemperaturen liegen in der Arktis bei 2 bis 6 Grad, in der Antarktis zwischen minus 2 und 0 Grad. Minus zwei Grad – ohne Salzwasser würde das Meer bei dieser Temperatur bereits frieren.
Wichtig ist auch die Erfahrung mit Kälte an der Oberfläche: Wer nie im Winter taucht, riskiert beim Auftauchen vereiste Atemregler – und muss dann unter Wasser bleiben können, bis das Problem gelöst ist. Tanja trainiert ihre Gruppen deshalb ausdrücklich auch bei kalten Außentemperaturen.
Die richtige Kleidung für Polartauchen und Expeditionsreisen
Für Nicht-Taucher an Bord gilt das Zwiebelprinzip: funktionelle Skiunterwäsche (kein Baumwolle), eine mittlere Schicht aus Fleece oder dünner Daunen, dazu wasserdichte Jacke und Hose. An Bord gibt es Neoprenstiefel für den Landgang. Wer schon mal bei deutschem Herbstwetter unterwegs war, ist prinzipiell ausgestattet. Der Unterschied: An Bord eines Zodiacs wird man auch mal nass – und nasse Skihosen bei unter null Grad sind keine Option.
Polartauchen und der Klimawandel
Ein Thema, das Tanja nicht auslassen kann: die Veränderungen, die sie in den Jahren ihrer Expeditionen selbst beobachtet hat. Vor zwei Jahren maß das Team in der Antarktis 24 Grad Lufttemperatur – ein erschreckender Rekordwert. In der Arktis, rund um Spitzbergen und an der Ostküste Grönlands, werden im Sommer mittlerweile regelmäßig 20 Grad erreicht. Die Arktis ist die Region, die sich schneller erwärmt als jede andere auf der Erde. Mehr Regen statt Schnee, schwindende Meereis-Flächen, schrumpfende Gletscher – wer Polartauchen betreibt, sieht den Klimawandel nicht in Grafiken, sondern mit eigenen Augen.
Fazit: Polartauchen ist nichts für jeden – aber vielleicht für dich
Polartauchen ist kein Urlaub. Es ist eine Expedition, bei der das Wetter entscheidet, Pläne sich täglich ändern und die Ausrüstung stimmen muss. Aber wer gut vorbereitet in diese Regionen reist, erlebt etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt: Eisberge von innen, Pinguine unter Wasser, eine Farbenpracht, die man in dieser Kälte nie erwartet hätte – und das unverkennbare Gefühl, an einem der letzten wirklich unberührten Orte der Erde zu sein.
Wer mehr über Tanjas Expeditionen erfahren möchte oder eine geführte Polartauchreise plant, findet Informationen über die Action Sport Diving School in Oberursel. Eine Fortsetzung des Gesprächs folgt in der nächsten Folge von „Tauch Talk“.
Unsere Redaktion wird geleitet von Chefredakteur Markus Mensch, der sich schon als Redakteur für Munichs Best, dem blu Magazin und dem Leo Magazin einem Namen machen konnte. 2010 gründete er das Online-Magazin „magazine4“, welches Ende 2014 verkauft wurde. Nun sticht er mit “Monaco de Luxe” neu in See, vereint sein Netzwerk und seine Erfahrungen, um neue Ziele für seine Leser, Kunden und Partner zu erreichen.