Talk
Meeresschildkröten: Überlebenskünstler in Gefahr
Von
Sie haben die Dinosaurier überlebt – und stehen heute dennoch kurz vor dem Aussterben. Meeresschildkröten sind seit über 100 Millionen Jahren Teil unserer Ozeane, doch ihre Populationen schrumpfen weltweit. Sarah Abdelhamid, Meereszoologin und Citizen-Science-Koordinatorin bei TurtleWatch Egypt, erklärt, warum diese Tiere so wichtig für unsere Meere sind, welche Bedrohungen ihnen wirklich gefährlich werden – und wie jeder Taucher und Schnorchler aktiv zum Schutz beitragen kann.
Meeresschildkröten sind keine passiven Bewohner des Ozeans – sie sind aktive Gestalter. Die Echte Karettschildkröte ernährt sich von Schwämmen, Algen und anderen Organismen, die sich auf Korallenriffen festsetzen. Indem sie diese abreidet, schafft sie Platz für neue Korallenkolonien – ohne sie würden viele Riffe buchstäblich zuwachsen. Die Suppenschildkröte hingegen weidet in Seegraswiesen und hält die Grashalme kurz, ähnlich wie ein Rasenmäher. Ohne dieses regelmäßige Abgrasen teilen sich die Spitzen, das Gras wird krank und die Wiesen sterben ab. Fünf der sieben weltweiten Schildkrötenarten leben im Roten Meer – und jede hat ihre eigene Rolle im Ökosystem.
Warum Meeresschildkröten so stark bedroht sind
Die Bedrohungen für Meeresschildkröten sind vielfältig – und fast alle gehen auf den Menschen zurück.
Der Verlust von Lebensraum steht dabei an erster Stelle. Seegraswiesen und Korallenriffe, die Nahrungsgrundlage vieler Arten, werden weltweit zerstört. Gleichzeitig verschwinden Niststrände:

© Canva
Küstenentwicklung, Bebauung und Lichtverschmutzung sorgen dafür, dass Schildkröten keine geeigneten Plätze mehr finden, um Eier zu legen. Schlüpfende Jungtiere orientieren sich am Sternenhimmel, der sich im Meer widerspiegelt – doch künstliche Lichter von der Küste verwirren sie. Sarah hat selbst eine winzige Meeresschildkröte gefunden, die vollständig dehydriert in die falsche Richtung lief und starb.
Hinzu kommen direkte Kollisionen mit Booten und Kajaks, da Meeresschildkröten als Lungenatmer regelmäßig an die Oberfläche müssen. Plastikmüll ist eine weitere tödliche Falle: Eine transparente Plastiktüte im Wasser bewegt sich wie eine Qualle, riecht durch Bakterienbesatz nach Nahrung – und wird geschluckt. Ausgespuckt werden kann der Plastik kaum, verdaut schon gar nicht. Auch Geisternetze fangen regelmäßig Schildkröten. In einigen Teilen der Welt werden Tiere und Eier noch immer illegal gejagt.
„Meeresschildkröten haben überlebt, was die Dinosaurier nicht überlebt haben. Und jetzt sterben sie aus – wegen uns.“Sarah Abdelhamid, TurtleWatch Egypt
TurtleWatch Egypt: Citizen Science für Meeresschildkröten
TurtleWatch Egypt baut ein Fotoidentifikations-Katalog der Meeresschildkröten-Population im Roten Meer auf. Das Prinzip: Jede Schildkröte hat ein einzigartiges Schuppenmuster im Gesicht – vergleichbar mit einem menschlichen Fingerabdruck. Fotos von links und rechts, möglichst nah am Kopf, reichen aus, um Individuen zuverlässig zu erkennen und wiederzufinden. So lässt sich die Populationsgröße einschätzen, Wanderrouten können nachverfolgt werden, und selbst Verletzungen und deren Heilungsprozesse werden dokumentiert.
Genau hier kommen Taucher und Schnorchler ins Spiel. Viele Augen sehen mehr – und fast jeder hat heute eine Action-Cam dabei. Wer im Roten Meer eine Meeresschildkröte sieht, kann mit Fotos des Gesichts von beiden Seiten sowie einem Überblicksbild des gesamten Tieres direkt zur Forschung beitragen. Die gesammelten Daten fließen in den wachsenden Katalog ein, der auf der TurtleWatch-Website öffentlich einsehbar ist.
Begegnungen, die bleiben

© Franziska Stier von Pixabay
Sarah beschreibt zwei Erlebnisse, die zeigen, warum Meeresschildkröten so viele Menschen faszinieren. Einmal folgte sie einer Schildkröte, die direkt auf sie zuschwamm und sie dann ins offene Wasser führte – wo plötzlich drei weitere Tiere auftauchten. Sie beobachtete die Paarungsszene zum ersten Mal live: Das Weibchen musste immer wieder an die Oberfläche zum Atmen, das Männchen klammerte sich fest. Ein Adlerrochen begleitete die Szene. Ein Moment, den Sarah als einen der schönsten ihres Lebens beschreibt.
Das zweite Erlebnis: eine Schnorchelgruppe nach einem Turtle Talk. Eine Stunde lang beobachteten alle gemeinsam eine Schildkröte, die ruhig auftauchte, Luft holte, wieder abtauchte. Ruhig, respektvoll, aus der richtigen Position. „Es ist etwas Meditatives“, sagt Sarah. „Es macht mich so stolz, diese Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten.“
Meeresschildkröten schützen – so geht’s konkret
- Fotos einreichen: Wer im Roten Meer taucht oder schnorchelt, kann Schildkrötenfotos an TurtleWatch Egypt schicken – links, rechts, gesamt. Jedes Foto hilft beim Aufbau des Identifikationskatalogs.
- Abstand halten: Nicht von vorne annähern, keinen Raum nehmen, leise bleiben. Schildkröten, die sich beobachtet fühlen, bleiben länger – und zeigen mehr.
- Plastikmüll vermeiden: Jede Plastiktüte, die ins Meer gelangt, kann für eine Schildkröte tödlich sein.
- Licht an Nistständen: Wer in der Nähe von Stränden mit Nestern lebt oder urlaubt, sollte nächtliche Beleuchtung in Richtung Meer vermeiden.
- Spenden und adoptieren: Auf der TurtleWatch-Website können Individuen symbolisch adoptiert und das Projekt direkt unterstützt werden.
Fazit: Meeresschildkröten brauchen uns – alle
Citizen Science macht aus jedem Taucher einen potenziellen Forscher. Wer eine Meeresschildkröte fotografiert und die Bilder einreicht, liefert echte wissenschaftliche Daten – ohne Ausbildung, ohne Aufwand, nur mit dem, was ohnehin dabei ist. TurtleWatch Egypt zeigt, wie Naturschutz im digitalen Zeitalter funktionieren kann: kollektiv, zugänglich und wirkungsvoll.
Weitere Informationen, der interaktive Schildkröten-Katalog und
Unsere Redaktion wird geleitet von Chefredakteur Markus Mensch, der sich schon als Redakteur für Munichs Best, dem blu Magazin und dem Leo Magazin einem Namen machen konnte. 2010 gründete er das Online-Magazin „magazine4“, welches Ende 2014 verkauft wurde. Nun sticht er mit “Monaco de Luxe” neu in See, vereint sein Netzwerk und seine Erfahrungen, um neue Ziele für seine Leser, Kunden und Partner zu erreichen.