35 Jahre Orca! Was 1991 als kleine Tauchbasis in einem ägyptischen Fischerdorf begann, entwickelte sich zu einem internationalen Netzwerk. Ein Rückblick auf mehr als drei Jahrzehnte Tauchtourismus – mit Weltrekorden, Expansion und ständigem Wandel.
Ende der Achtzigerjahre war Hurghada noch ein verschlafenes Fischerdorf am Roten Meer. Touristen verirrten sich selten hierher, Hotels gab es kaum. Doch einige Pioniere erkannten das Potenzial der Region: klares Wasser, intakte Riffe, eine Unterwasserwelt, die in Europa ihresgleichen suchte. Zu diesen Pionieren gehörte Volker Clausen.
1991 eröffnete er im Hor Palace in Hurghada die erste Orca Tauchbasis. Der Name war Programm: Orca sollte für Qualität, Sicherheit und professionellen Service stehen. Was damals als Ein-Basis-Betrieb startete, ist heute ein internationales Unternehmen mit Standorten in mehreren Ländern und über 100 Mitarbeitern.
Die Entstehung der 35 Jahre Orca Dive Clubs Geschichte: Vom Baggersee zum Weltrekord
Volker Clausens Weg zum Tauchunternehmer begann unspektakulär: 1968 schnupperte er in einem Baggersee erstmals Pressluft, ein Jahr später folgte der Tauchkurs in Freiburg. Nach Abitur und Ausbildung zum Versicherungskaufmann entschied er sich für einen handwerklicheren Weg und lernte Schlosser. Diese Kombination sollte sich später als nützlich erweisen.
Als Berufstaucher verlegte er Rohre im Kaspischen Meer, später arbeitete er als Tauchlehrer in der Türkei und auf den Malediven. 1991 dann der Schritt nach Ägypten. Hurghada entwickelte sich rasant zum Tourismuszentrum, Taucher spielten dabei eine zentrale Rolle. Clausen erkannte die Chance.
Dass er auch als Extremtaucher Akzente setzen würde, war damals noch nicht absehbar. Am 21. August 2003 erreichte Clausen zusammen mit Manfred Führmann und Chris Ullmann mit einem Rebreather-Gerät eine Tiefe von 224,5 Metern – Weltrekord. Der Aufwand war enorm: vier Boote, 17 Rettungstaucher, fast hundert Gasflaschen mit unterschiedlichen Mischungen. Alle drei Taucher mussten während des Tauchgangs ihre defekten Geräte austauschen. Ein technisches Problem – ein geplatztes Plastikgehäuse in rund 190 Metern Tiefe – hätte beinahe das gesamte Unterfangen scheitern lassen.
Ursprünglich war nur ein Tauchgang auf 200 Meter geplant, kein Rekordversuch. Doch die Sache entwickelte eine Eigendynamik, ein Filmteam von Pro 7 begleitete das Projekt. Clausen sagte später, er habe es nie bereut und würde es jederzeit wieder tun.
Expansion und Fokus auf Tekkie-Tauchen
Schon 1995 verließ Orca Hurghada. Clausen war es in der boomenden Stadt zu eng geworden. Die neue Basis entstand in Safaga, etwa 50 Kilometer südlich. Der Vorteil: ruhigere Tauchplätze, weniger Betrieb, schneller Zugang zu Riffen wie Panorama oder Abu Kafan. Mit dem Orca Village entstand zudem eine kleine, speziell auf Taucher zugeschnittene Anlage.
In den Folgejahren wuchs das Unternehmen kontinuierlich. 2001 eröffnete Orca als erstes Unternehmen eine Tauchbasis in Hamata, im tiefen Süden Ägyptens, und erschloss damit die Fury Shoals für Tagesausflüge. Es folgten Standorte in El Gouna, Soma Bay, Marsa Alam, später auch außerhalb Ägyptens: Mauritius, Bali, Flores, Sardinien, Kapverden. Nicht alle Basen blieben dauerhaft, manche wurden geschlossen, andere neu eröffnet. Aktuell betreibt Orca mehrere Standorte in Ägypten und weltweit.
Ein Schwerpunkt entwickelte sich in Safaga: technisches Tauchen und Rebreather. Clausen, selbst passionierter Tec-Taucher, baute die Basis zum internationalen Treffpunkt der Szene aus. Die „Silent Week“, eines der größten Rebreather-Events weltweit, fand hier regelmäßig statt. Die Rebreather-Akademie bot Ausbildung auf höchstem Niveau. Safaga wurde zum Mekka für alle, die tiefer und länger tauchen wollten als im klassischen Sporttauchen üblich.
Umzug und Neuausrichtung
Ende 2023 kam eine Zäsur: Das Orca Village in Safaga, über viele Jahre Heimat der ersten Basis, wurde aufgegeben. Differenzen mit den Eigentümern der Anlage machten eine Fortsetzung unmöglich. Die Tauchbasis zog ins nahegelegene Amarina Resort um – ein Umzug, der als „Update“ verkauft wurde: modernere Zimmer, größere Poollandschaft, familienfreundlicher. Für Stammgäste, die das Village schätzten, war es dennoch ein Abschied.
Der Schritt zeigt, wie sich das Geschäft verändert hat. Früher reisten hauptsächlich Hardcore-Taucher nach Ägypten, heute sind es oft Familien, die neben dem Tauchen auch Komfort und Unterhaltung erwarten. Orca reagierte auf diesen Wandel, auch wenn damit ein Stück der ursprünglichen Identität verloren ging.
Mehr als nur Tauchbasen
Volker Clausen engagierte sich auch auf politischer Ebene. Von 2008 bis 2011 war er Vorstandsmitglied der Egyptian Chamber of Diving & Water Sports (CDWS), einer vom Tourismusministerium gegründeten Kammer zur Verbesserung der Sicherheits- und Qualitätsstandards in der Tauch- und Wassersportindustrie. Später wurde er für vier Jahre zum Vize-Vorsitzenden ernannt. Die Rolle zeigt den Einfluss, den Orca in der ägyptischen Tauchszene hat.
Mittlerweile ist Clausens Bruder Wolfgang ebenfalls im Unternehmen tätig, verantwortlich für das operative Geschäft und Controlling. Sein Sohn, Christof, kümmert sich seit 2017 um das Qualitätsmanagement. Die Firma bleibt ein Familienunternehmen, auch wenn sie längst international agiert.
Was bleibt nach 35 Jahren Orca?
Die Tauchbranche hat sich seit 1991 massiv verändert. Ägypten ist längst kein Geheimtipp mehr, sondern Massentourismus-Destination. Die Riffe sind stärker frequentiert, die Konkurrenz unter den Tauchbasen härter. Gleichzeitig sind die Ansprüche gestiegen: moderne Ausrüstung, deutschsprachige Guides, komfortable Unterkünfte.
Orca hat diesen Wandel mitgemacht, manchmal mitgestaltet. Das Unternehmen war Vorreiter beim technischen Tauchen, erschloss neue Regionen, setzte Standards bei Sicherheit und Service. Aber es musste auch Kompromisse eingehen, Basen schließen, sich neu orientieren.
Die Frage ist, wie sich das Konzept in den nächsten Jahren weiterentwickelt. Reicht es, weiterhin auf klassische Qualität zu setzen? Oder braucht es neue Ideen, um sich vom Wettbewerb abzuheben? Das Rebreather-Tauchen, einst Nische, wird inzwischen breiter angeboten. Die Alleinstellungsmerkmale von früher gibt es kaum noch.
35 Jahre sind eine lange Zeit. Orca hat sich bewiesen, ist durch Krisen gekommen, hat expandiert und sich angepasst. Was als kleine Basis in Hurghada begann, ist zu einer etablierten Marke geworden. Ob diese Marke in weiteren 35 Jahren noch existiert, hängt davon ab, wie flexibel das Unternehmen bleibt – und wie sehr sich die Tauchwelt weiter verändert.
Fazit: Auch nach 35 Jahren Orca: Eine Branche im Wandel
Die Geschichte der 35 Jahren Orca Dive Clubs ist auch die Geschichte des Tauchtourismus am Roten Meer. Von den Pionierjahren, als Taucher noch Exoten waren, bis zum heutigen Massenmarkt. Orca hat viel richtig gemacht: frühzeitige Expansion, Fokus auf Qualität, Spezialisierung auf technisches Tauchen. Aber auch Glück gehörte dazu – und die Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen.
Volker Clausen, inzwischen mehr Manager als Taucher, hat das Unternehmen über Jahrzehnte geprägt. Sein Weltrekord von 2003 ist längst überholt, doch als Symbol bleibt er: für den Mut, Grenzen auszutesten. Genau das hat Orca auch als Unternehmen getan. Nicht immer erfolgreich, aber konsequent.
Info-Box:
35 Jahre Orca Dive Clubs – Die Meilensteine
- 1991: Gründung der ersten Basis in Hurghada
- 1995: Umzug nach Safaga, Eröffnung des Orca Village
- 2001: Erste Basis in Hamata, Erschließung der Fury Shoals
- 2003: Weltrekord von Volker Clausen (224,5 Meter mit Rebreather)
- 2007-2011: Expansion nach Mauritius, Kapverden, Bali, Flores
- 2008-2011: Volker Clausen im Vorstand der CDWS
- 2023: Schließung des Orca Village, Umzug nach Amarina
- 2026: 35-jähriges Jubiläum
Aktuelle Standorte (Auswahl): El Gouna, Soma Bay, Safaga, Marsa Alam, Hamata, internationale Basen in Indonesien und Mauritius









