Start Talk Meeresbiologie trifft Tauchsport: Wenn Wissenschaft und Leidenschaft zusammenkommen

Meeresbiologie trifft Tauchsport: Wenn Wissenschaft und Leidenschaft zusammenkommen

0
©Micol Montagna 
Google search engine

Sarah ist Meeresbiologin, Forschungstaucherin und Freediving-Instructorin. Seit über zehn Jahren erforscht sie Korallenriffe im Roten Meer, setzt sich für den Schutz von Meeresschildkröten ein und vermittelt Menschen einen achtsamen Zugang zum Meer. Ein Porträt über eine Frau, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat.

Wer im Roten Meer taucht, sieht Korallen, Fische, manchmal Schildkröten. Sarah sieht mehr: Sie erkennt Veränderungen in der Riffstruktur, dokumentiert Verletzungen bei Meeresschildkröten, analysiert Langzeitdaten. Als Meeresbiologin mit Schwerpunkt Korallenriffökologie verbindet sie wissenschaftliche Forschung mit praktischem Meeresschutz – und das seit über einem Jahrzehnt.

Heute lebt sie in Soma Bay, Ägypten, arbeitet ehrenamtlich beim Schildkrötenschutzprojekt TurtleWatch Egypt 2.0, unterrichtet Freediving und gibt Relaqua-Kurse. Ihr Ziel: Menschen mit dem Meer verbinden. Denn was wir lieben, schützen wir.

Von der Universität ins Rote Meer

Sarah hat einen Masterabschluss in Integrativer Zoologie der Universität Rostock und ist staatlich anerkannte Forschungstaucherin. Seit 2015 erforscht sie Korallenriffe im Roten Meer, begleitet Monitoring-Projekte und setzt sich für Umweltbildung ein.

Ein Höhepunkt ihrer Arbeit war eine wissenschaftliche Publikation über ein einzigartiges Langzeitmonitoring im Sanganeb-Atoll im Sudan – einem der abgelegensten und unberührtesten Riffe der Region. Die Studie erhielt internationale Aufmerksamkeit und zeigte, wie wichtig kontinuierliche Beobachtung für den Schutz von Korallenriffen ist.

Doch Sarah forscht nicht nur – sie vermittelt ihr Wissen auch aktiv weiter. Als Freediving-Instructorin und Relaqua-Trainerin bringt sie Menschen bei, das Meer bewusst zu erleben, ohne dabei Schaden anzurichten.

TurtleWatch Egypt 2.0: Citizen Science für Meeresschildkröten

Eines der Projekte, bei denen Sarah sich besonders engagiert, ist TurtleWatch Egypt 2.0 (TWE) – ein langfristiges Schutzprojekt für Meeresschildkröten im südlichen ägyptischen Roten Meer.

Gegründet 2011, war TWE die erste Citizen-Science-Initiative der Region. Das Besondere: Taucher, Schnorchler und Küstenbesucher können aktiv zur Forschung beitragen, indem sie Sichtungen von Schildkröten melden. Heute arbeitet das Projekt unter den gemeinnützigen Organisationen Marine Life Watch (Italien) und der Marine Life Conservation and Preservation Foundation (Ägypten).

Wie funktioniert Foto-Identifikation?

Die Methode ist einfach, aber effektiv: Jede Meeresschildkröte hat ein einzigartiges Schuppenmuster am Kopf – ähnlich wie ein menschlicher Fingerabdruck. Durch Fotos können einzelne Tiere identifiziert und über Jahre hinweg verfolgt werden.

Taucher und Schnorchler fotografieren die Schildkröten, die sie sehen, und laden die Bilder über ein Online-Formular hoch. Das Team von TWE gleicht die Fotos mit der bestehenden Datenbank ab. Wenn es sich um eine neue Schildkröte handelt, darf der Melder ihr einen Namen geben, sie registrieren und virtuell adoptieren.

Über 11.000 Sichtungen und etwa 1.000 individuell registrierte Schildkröten umfasst die Datenbank mittlerweile – ein beeindruckender Erfolg nach über einem Jahrzehnt Community-Engagement.

Warum ist das wichtig?

Langzeitdaten ermöglichen es, Bewegungsmuster, Verletzungsraten und Heilungsverläufe zu dokumentieren. TWE hat wissenschaftliche Erkenntnisse über Verletzungen wildlebender Meeresschildkröten im Roten Meer veröffentlicht – ein wichtiger Beitrag zum Schutz dieser gefährdeten Art.

Viele Schildkröten im Roten Meer tragen Verletzungen davon: durch Bootsschrauben, Fischernetze oder unsachgemäßen Umgang durch Taucher. Das Monitoring zeigt, welche Tiere sich erholen und welche langfristig beeinträchtigt bleiben.

Bildungsarbeit: Vom Turtle Trunk bis zum Specialty Course

TurtleWatch Egypt 2.0 beschränkt sich nicht auf Forschung. Ein zentraler Teil der Arbeit ist Umweltbildung – für Touristen, Tauchprofis, Schulen und NGOs.

Ein besonderes Werkzeug ist der Turtle Trunk: ein interaktives Bildungskit, entwickelt von der InWater Research Group (USA) und von TWE für das Rote Meer in Englisch und Arabisch aufbereitet. Das Kit enthält Anschauungsmaterial, um die Biologie der Schildkröten verständlich zu machen – ideal für Schulen und Präsentationen.

Für Tauchbasen bietet TWE spezialisierte Trainings an: Kapitäne, Guides, Instruktoren und Manager lernen, wie man verantwortungsbewusst mit Schildkröten umgeht, wie man Gäste sensibilisiert und wie man sie in Citizen Science einbindet.

Gemeinsam mit Tauchbasen und Resorts organisiert TWE zudem Turtle Days – Bildungsaktionen und Monitoring-Aktivitäten im Wasser. Taucher lernen dabei nicht nur, Schildkröten zu fotografieren, sondern auch, warum Abstand halten so wichtig ist und welche Verhaltensweisen den Tieren schaden.

Wer tiefer einsteigen möchte, kann den PADI Turtle Watch Distinctive Specialty Course absolvieren – ein Kurs, der speziell auf den Schutz von Meeresschildkröten ausgerichtet ist.

Wie kann man unterstützen?

Es gibt viele Möglichkeiten, TurtleWatch Egypt 2.0 zu unterstützen – auch ohne vor Ort zu sein:

  • Sichtungen melden: Wer im Roten Meer taucht oder schnorchelt und eine Schildkröte sieht, kann ein Foto über das Online-Formular einreichen. Wichtig sind Details wie Ort, Datum und Uhrzeit.
  • Virtuelle Adoption: Man kann eine registrierte Schildkröte adoptieren und ihre Geschichte verfolgen. Die Spenden fließen direkt in Forschung und Bildungsarbeit.
  • Merchandise kaufen: Der Erlös aus dem Verkauf von TWE-Produkten unterstützt das Projekt.
  • Freiwilligenarbeit: Wer Zeit und Leidenschaft mitbringt, kann sich vor Ort engagieren.
  • Tauchbasis-Partnerschaften: Tauchbasen können mit TWE zusammenarbeiten und Turtle Days oder Trainings organisieren.

Warum Meeresschutz beim Tauchen beginnt

Sarah betont immer wieder: Wer das Meer liebt, muss es auch schützen. Und Schutz beginnt mit Bewusstsein. Viele Taucher wissen nicht, dass sie durch ihr Verhalten Schaden anrichten können – etwa durch zu nahes Heranfahren mit Booten, durch Anfassen von Schildkröten oder durch das Zerstören von Korallen.

Projekte wie TurtleWatch Egypt 2.0 zeigen, dass Taucher nicht nur Beobachter, sondern aktive Teilnehmer im Meeresschutz sein können. Jede gemeldete Sichtung trägt zu einem besseren Verständnis der Population bei. Jeder sensibilisierte Taucher wird zum Botschafter für den Schutz der Meere.

Freediving und Relaqua: Achtsamer Zugang zum Meer

Neben ihrer Arbeit als Meeresbiologin unterrichtet Sarah auch Freediving und Relaqua. Beide Disziplinen verbindet ein Gedanke: das bewusste, respektvolle Erleben des Meeres.

Beim Freediving geht es nicht primär um Tiefe oder Zeit, sondern um die Verbindung mit dem Wasser, um Ruhe und Kontrolle über den eigenen Körper. Relaqua – eine Kombination aus Atemübungen, Meditation und Wassererfahrung – verfolgt einen ähnlichen Ansatz: Entspannung ohne Leistungsdruck.

Sarah nutzt beide Methoden, um Menschen einen anderen Zugang zum Meer zu ermöglichen. Wer achtsam taucht, verhält sich auch respektvoller gegenüber der Unterwasserwelt.

Forschung, Bildung, Schutz – alles hängt zusammen

Sarahs Arbeit zeigt, wie eng Wissenschaft, Bildung und praktischer Naturschutz miteinander verknüpft sind. Ohne Forschung wüssten wir nicht, wie es um die Schildkrötenpopulation steht. Ohne Bildung würden Taucher weiterhin unwissentlich Schaden anrichten. Und ohne Community-Engagement wäre großflächiges Monitoring unmöglich.

TurtleWatch Egypt 2.0 ist ein Beispiel dafür, wie Citizen Science funktionieren kann. Tausende von Tauchern haben über die Jahre hinweg Daten beigetragen – oft ohne zu wissen, welchen wissenschaftlichen Wert ihre Fotos haben. Doch genau diese Daten bilden die Grundlage für Schutzmaßnahmen.

Was andere Regionen lernen können

Das Modell von TurtleWatch Egypt 2.0 lässt sich auf andere Regionen übertragen. Überall dort, wo Meeresschildkröten vorkommen und Taucher aktiv sind, kann Foto-Identifikation genutzt werden. Entscheidend sind drei Faktoren:

  1. Eine engagierte Community: Taucher, Tauchbasen und Resorts müssen mitmachen.
  2. Langfristigkeit: Nur über Jahre hinweg gesammelte Daten liefern aussagekräftige Ergebnisse.
  3. Bildungsarbeit: Menschen müssen verstehen, warum ihr Beitrag wichtig ist.

In anderen Regionen gibt es ähnliche Projekte – etwa für Walhaie, Mantas oder Delfine. Die Methode ist bewährt und zeigt, dass jeder Einzelne einen Unterschied machen kann.

Fazit: Tauchen mit Verantwortung

Sarah ist ein Beispiel dafür, wie man Leidenschaft, Beruf und Engagement verbinden kann. Sie forscht nicht im Elfenbeinturm, sondern arbeitet direkt mit der Tauchcommunity zusammen. Sie vermittelt Wissen nicht nur in Fachzeitschriften, sondern auch an Strände, in Tauchbasen, in Schulen.

Ihr Ansatz zeigt: Meeresschutz ist keine abstrakte Aufgabe, sondern etwas, das jeder Taucher mitgestalten kann. Ob durch eine gemeldete Sichtung, durch achtsames Verhalten im Wasser oder durch Unterstützung von Projekten wie TurtleWatch Egypt 2.0.

Wer im Roten Meer taucht, hat die Chance, Teil dieser Bewegung zu werden. Und vielleicht sieht man dann nicht nur Schildkröten – sondern versteht auch, warum sie geschützt werden müssen.

Weitere Informationen

TurtleWatch Egypt 2.0 ist online präsent und freut sich über Sichtungen, Unterstützung und Partnerschaften. Wer mehr über Sarahs Arbeit erfahren möchte, findet Informationen auf den Social-Media-Kanälen des Projekts oder kann direkt Kontakt aufnehmen.

Auch andere Meeresschutzorganisationen im Roten Meer und weltweit arbeiten nach ähnlichen Prinzipien. Es lohnt sich, nach lokalen Projekten zu suchen und aktiv zu werden – denn jeder Beitrag zählt.